Am Mittwoch, den 25.02.2026 hatten wir die Ehre, das von Pièrre Vers entwickelte Theaterstück „Schwarz-helle Nacht“ bei uns vor Ort zu erleben. Das Theaterkollektiv besteht aus den Schauspielerinnen und Schauspielern Christof Seeger-Zurmühlen, Julia Dillmann, Anna Betz und Alexander Steinmeier. Das Stück thematisiert den Nationalsozialismus, genauer gesagt die Reichspogromnacht in Düsseldorf aus der Perspektive unzähliger Menschen jüdischer Herkunft.
Das Stück spielte sich an einer langen Tafel in der Mitte der Aula ab. Manche der Schüler saßen mit an der Tafel, die anderen in drei Stuhlreihen zu der Tafel gerichtet, denn das Stück startete damit, dass ein Schreiben der GESTAPO aus der Nacht des 09.11.1938 im Chor von allen Darstellern vorgetragen wurde, während dieses in Papierform an die Zuschauenden verteilt wurde, sodass man sich mitten im Geschehen befand.
Eben diese GESTAPO-Schreiben zogen sich wie ein Leitfaden durch das Stück, doch der Fokus lag auf den Perspektiven jüdischer Menschen, wie sie die Geschehnisse dieser Nacht erlebt hatten. Im Wechsel wurden unzählige Erfahrungen wiedergegeben. Es begann mit Berichten und Beschreibungen davon, wie die Synagoge brannte, gefolgt von
Beschreibungen davon, wie SA-Mitglieder gewaltsam in die Wohnungen und Häuser jüdischer Menschen einbrachen und Möbel aus den Fenstern warfen, Gemälde zerstörten, Haustiere töteten und Menschen verletzten.
Zwei spezifische Erzählungen sind mir dabei besonders im Kopf geblieben.
Ein Zeitzeuge, der damals noch ein Kind gewesen war, erzählte davon, wie, nachdem alle Möbel zerstört und nach draußen geworfen worden waren, einer der SA-Männer auf die geliebten Vögel des Vaters zuging. Diese waren in einem Käfig. Der Mann öffnete den Käfig, brach den Vögeln das Genick und warf sie im Anschluss gegen die Wand. Das Blut der geliebten Tiere lief die Wand runter, während ihre leblosen Körper am Boden lagen.
Die andere Erinnerung war die einer Frau, die in der Straßenbahn saß und im Vorbeifahren sah, wie ein Klavier oder ein Flügel aus dem Fenster geworfen werden sollte. Einer der Männer klammerte sich an den Flügel und schien für ihn „kämpfen“ zu wollen. Die Frau ging davon aus, dass ein jüdischer Mann verzweifelt versuchte, an seinem geliebten Flügel festzuhalten, und ihn nicht aufgeben wollte. Dabei fiel er jedoch, zusammen mit dem Flügel, aus dem Fenster und starb, als er unter dem Flügel auf dem Boden aufkam, zerdrückt unter dem Gewicht seines geliebten Instruments. Sie selbst sagte, dass sie nie in ihrem Leben etwas Schlimmeres gesehen habe und dass dieser Anblick sie den Rest ihres Lebens begleitet bzw. eher verfolgt habe.
Das Tragische dieser ohnehin dramatischen Geschichte stellte sich jedoch im Gespräch mit den Darstellern nach dem Stück heraus, denn von diesen durfte ich erfahren, dass die Geschichte um den gefallenen Flügel eigentlich etwas anders war. Der Mann, welchen die Frau aus dem Fenster hatte fallen gesehen, war einer der brutalen Schläger, die in dieser Nacht verantwortlich für die Zerstörung jüdischer Wohnungen gewesen waren. Er hatte sich bei dem Versuch, den Flügel aus dem Fenster werfen zu wollen, schlecht positioniert und war gefallen. Das, was die Frau als Festhalten wahrgenommen hatte, war der Versuch, sich selbst zu retten. Somit starb nicht ein jüdischer Mann zerdrückt unter seinem geliebten Flügel, sondern jemand, der für Zerstörung und Gewalt in dieser Nacht gesorgt hatte.
Die zweite wichtige Information, die ich im Gespräch mit den Schauspielern erfahren habe, ist, dass diese Erzählungen, Eindrücke, Erinnerungen und Schicksale von jüdischen Menschen, welche nach dieser Nacht Deutschland verließen oder sich auf andere Art und Weise retten konnten, von Historikern Jahre später gesammelt wurden. Diese hatten sich die Mühe gemacht, eben jene Menschen anzuschreiben und mit dem Vorsatz der Aufklärung sie nach ihren Erlebnissen in der Reichspogromnacht zu fragen.
Die Summe dieser Aufklärungsarbeit der gewalttätigen Verbrechen ist in der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte zu finden. Diese war letztlich auch die Quelle des Theaterstückes. Somit waren alle gesprochenen Texte original.
Für mich als Zuschauerin war dieses Theaterstück sehr emotional, jedoch auch informativ. Mit dem Thema Nationalsozialismus wird jede Klasse ab einem gewissen Alter zwangsläufig konfrontiert, sei es im Geschichtsunterricht oder auch in anderen Fächern wie Deutsch in Form von Literatur, die in dieser Zeit spielt. Aber auch in unseren eigenen Familiengeschichten begegnen uns diese Themen, beispielsweise durch unsere Groß- oder Urgroßeltern. Doch egal, wie viel man sich mit dem Thema auseinandersetzt und sich mit den historischen Abläufen beschäftigt, man kann meiner Meinung nach nie auslernen. Das, was dieses Theaterstück einem näherbringt und besser zeigt als jede Geschichtsstunde, ist das Ausmaß. Das Ausmaß an einzelnen Schicksalen. Das Ausmaß an Gewalt. Das Ausmaß an Zerstörung.
Man hört und liest immer von Zahlen, was dabei jedoch zu kurz kommt, ist zu verstehen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht, ein Schicksal. Jeder dieser Menschen hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Leben, was sich in dieser Nacht schlagartig änderte. Dazu kommt auch, dass oft vergessen wird, über eben diese zu sprechen, die in dieser Nacht alles verloren, jedoch Deutschland noch verlassen konnten, bevor die Nazis mit den Massendeportationen begannen.
Zudem geht es bei dem Stück darum, Emotionen in den Menschen hervorzurufen. Durch die Darsteller wurden ihnen eine Stimme gegeben und somit Emotionalität verliehen. Wer in diesem Raum saß und von der Zerstörung und der Gewalt an geliebten Menschen hörte, teilweise unterstützt durch Gesang, Musik oder lauten Schlägen auf den Tischen, konnte die Angst und Intensität der Betroffenen, wenn auch nur ansatzweise, spüren.
Emotionen sind genau das, was dieses Stück so wichtig und eindrucksvoll gemacht haben. Niemand wird dabei ein positives Gefühl verspürt haben und das ist das Wichtige. Es lehrt zu verstehen, was richtig und was falsch ist. Bei den Schilderungen ist mir aufgefallen, dass keine von ihnen davon erzählt, wie jemand hilft. Niemand hat sich für die jüdischen Bürger eingesetzt. Alle haben zugeguckt und nichts getan oder waren Teil jener, die alles zerstörten. Das ist meiner Meinung nach als eine falsche Reaktion von Nachbarn und allgemein den Mitmenschen zu bewerten.
Es ist wichtig, auch dies Jüngeren zu erzählen und sie über diesen Teil der Geschichte zu informieren, damit sich so etwas nicht wiederholen kann. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft und ihnen schon früh beizubringen, was damals passiert ist, ist wichtig. Es ist wichtig, dass das Thema Nationalsozialismus immer und immer wieder in verschiedenen Kontexten aufgebracht wird, damit die systematischen Vorgänge nicht in Vergessenheit geraten und schon von Anfang an verhindert werden können. Man muss lernen, nicht weg zu gucken und stattdessen lernen, sich für andere einzusetzen.
Die Geschichte darf sich unter keinen Umständen wiederholen und Aufklärung, beispielsweise in Form dieses Theaterstücks, ist dafür essentiell.
Abschließend möchte ich sagen, dass dies ein emotionales Thema ist und bleibt und das ist zum einen wichtig und zum anderen gut, denn Emotionen zu haben ist das, wovon Menschen leben und aus denen sie vor allem lernen. Emotionen regen zum Nachdenken an und dazu, dass man nicht vergisst, und das ist am Ende das, was zählt. Dass wir nicht vergessen.
von Teresa Land (Q1)
