Der 27. Januar gilt in Deutschland als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Jährlich wird an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erinnert. Allein in diesem Konzentrationslager wurden von 1940 bis 1945 über 1,5 Millionen Menschen ermordet, die meisten von ihnen waren Juden.
Heutzutage, im Jahr 2026, 81 Jahre nach diesem Ereignis, befindet sich die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg und die über 6 Millionen ermordeten Juden in einem schlechten Zustand. Immer wieder gibt es Todesdrohungen und Verwüstungen in den Museen der Konzentrationslager. Fast wöchentlich müssen Anzeigen bei der Polizei aufgegeben werden. Antisemitische, antijüdische und faschistische Organisationen erhalten mehr Zulauf. Die „Jungen Nationalisten“, die Jugendpartei der Partei „Die Heimat“, zählen mittlerweile schon über 300 Mitglieder. Dazu kommt eine Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt, teilweise als verfassungsfeindlich eingestuft ist, immer wieder durch verfassungsfeindliche und nationalsozialistische Aussagen auffällt und immer mehr Wählerstimmen erhält.
Dies kann nicht an einer falschen Wiedergabe historischer Vorgänger liegen, sondern nur an einem Leugnen dieser. Dabei ist es offensichtlich und bewiesen, was damals passiert ist. Richard von Weizsäcker, früherer Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, hat es in seiner Rede zum 8. Mai vor 40 Jahren so beschrieben:
„Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judentum, dem Rechtsentzug, den unaufhörlichen Schändungen der menschlichen Würde?
Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse nicht unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.“
Dieses Leugnen der Vergangenheit, was häufig von Personen mit nationalsozialistischem Gedankengut betrieben wird, wird von einem mangelnden Engagement bei der Erinnerungskultur unterstützt. Viele Personen können oder wollen sich nicht an die Vergangenheit erinnern und sich mit ihr befassen, weil das geschichtliche Wissen dazu fehlt. 2025 hat sich eine relative Mehrheit in Deutschland laut der „Gedenkanstoß MEMO-Studie“ erstmals gewünscht, einen erinnerungskulturellen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus zu setzen. Eine Mehrheit stimmte zudem der These zu, man solle sich lieber „gegenwärtigen Problemen“ widmen.
Dieser Entwicklung muss aber entschieden entgegengetreten werden. Wenn wir jetzt oder in Zukunft aufhören, uns an Vergangenes zu erinnern, können wir nicht sicher sein, was in der Zukunft kommt. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus kann uns vor Gefahren beschützen. Nur wenn wir wissen, was passiert ist, können wir darauf achten, dass es nicht noch einmal passiert.
Richard von Weizsäcker sagte dazu in seiner Rede Folgendes:
„Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen, zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.
Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.
Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.
Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann.“
Es liegt an uns, dass sich die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten nicht wiederholen kann. Es liegt an uns, rechtsextremen Tendenzen Einhalt zu gebieten. Es liegt an uns, unsere Zukunft zu schützen. Nicht nur jetzt, sondern für immer.
